MOTORRAD 10/1982

TECHNIK UND TEST
Test Kawasaki Z 440 Belt Drive

Zahnersatz

Ein Zahnriemen löst an der neuen Kawasaki Z 440 LTD Zahnräder und Kette ab.

 
   

Kette oder Kardan als Sekundärantrieb ist seit einiger Zeit nicht mehr die einzige Alternative im jüngeren Motorradbau. Nachdem Amerikas Big Bike-Produzent Harley-Davidson seine mächtigen Zweizylinder unter der Modellbezeichnung Sturgis mit einem Zahnriemen zum Hinterrad ausgerüstet hat, zog nun als erster japanischer Hersteller die Firma Kawasaki mit der Z 440 LTD auf dem europäischen Markt nach.

In Amerika gibt es diese Z 440 LTD Belt Drive schon seit 1980 zu kaufen. "Kawasaki hat sie quasi als Generalprobe für den Weltmarkt erst einmal in Amerika laufen lassen", erklärt der technische Leiter von Kawasaki Deutschland, Rolf Meyermann. "Da die Maschinen in der USA erfahrungsgemäß aufgrund der dort herrschenden Geschwindigkeits- begrenzung weniger belastet werden, sollte die Belt Drive dort erst einmal die Standfestigkeit ihres Zahnriemens beweisen".

Vom Resarch and Development Center von Kawasaki USA in Santa Ana, Kalifornien, kam auch die Idee zum hauseigenen Zahnriemenantrieb. Nachdem im Amerikas sonnigem Westen vor vier Jahren mit der Entwicklung der Sekundärantriebs-Alternative begonnen worden war, ging der Zahnriemen dann 1980 in Serie.

Der Clou an der Kawasaki Z 440 LTD:
der Zahnriemen zum Hinterrad. Die neue Antriebsart erfordert ein großes Zahnrad


Der Vorteil dieser technischen Lösung: Der Zahnriemen verbindet die Vorteile von Kette und Kardan. Denn arbeitet der Kardan wartungsfrei, so stören seine Aufstellmomente, die Unruhe ins Fahrwerk bringen, und seine relativ hohen Reibungsverluste, die den Einsatz bei kleineren Maschinen nicht zweckmäßig erscheinen lassen. Auch der Nachteil des Kettenantriebs, nämlich ständiges Schmieren und Spannen, ist dem Zahnriemen fremd. Regen, Schmutz und Streusalz machen außerdem den Belt Drive wesentlich weniger aus als einer herkömmlichen Rollenkette.

Nach Angaben von Kawasaki dehnt sich der gezackte Riemen nur um ein Zehntel dessen, was für eine Kette einkalkuliert werden muss. So können mit der Z 440 LTD immerhin je nach Fahrweise 7000 bis 10 000 Kilometer ohne Nachspannen des Sekundärantriebs bewältigt werden.

Modellpflege bei Kawasaki:
Öldruckschalter und Ölsteigleitung sind am 440 cm3-Zweizylindermotor nach außen verlegt. Die 27 PS-Version wird über kleine Vergaserdurchmesser gedrosselt


Im Motorenbau nutzen Techniker den Zahnriemen schon seit Jahrzehnten. Ducati treibt die beiden Nockenwellen der Pantah damit an, und der österreichische Motorenhersteller Rotax versucht es nun ebenfalls bei seinem 500er Einzylindermotor.

Im Automobilbau laufen Zahnriemen ebenfalls als Nockenwellenantrieb, sogar im legendären Ford Cosworth-Rennmotor. Was also läge näher, als auch bei Serienmotorrädern das leidige Ketten-Thema mit dem Zahnriemenantrieb zu beenden?

Doch ganz so einfach stellt sich diese Lösung denn doch nicht dar. Der Sekundärantrieb bei Motorrädern sit nämlich nur bedingt mit dem Nockenwellenantrieb in Motoren zu vergleichen. Denn während beispielsweise im Motor immer die gleichen Temperaturen herrschen, ist der frei laufende Riemen als Sekundärantrieb stark schwankenden Hitze- und Kälteeinwirkungen ausgesetzt. Durch Gasstöße und Abbremsmanöver entstehen außerdem wechselnde Belastungen. Ruckartiges Anfahren gar führt kurzzeitig zu einer starken Dehnung.

Um diese speziellen Probleme in den Griff zu bekommen, experimentierten die Kawasaki-Techniker mit den verschiedensten Materialien für den Belt Drive. Schließlich landeten sie bei einem Kern aus Kevlar, der von einer Polyurethanschicht umgeben ist. Die Zähne sind mit einem Nylongewebe gegen Abreißen geschützt.

Chopper mit Komfort:
Die weiche Sitzbank und die aufrechte Haltung hinter dem breiten Lenker entspannen beim Landstraßenbummel


Da der Riemen nicht über ein zu kleines Antriebrad abgerollt werden kann, musste Kawasaki ein relativ großes vorderes Ritzel einbauen. Das bedingt für das richtige Übersetzungsverhältnis wiederum ein großes hinteres Ritzel. Mit einer erforderlichen Breite von immerhin 25,4 Millimetern (die stärksten O-Ring-Ketten sind nur über sechs Millimeter schmaler) gibt es Platzprobleme. Denn der Zahnriemen will nach herkömmlicher Manier an der Rahmeninnenseite vorbeigeführt werden.

Im Alltags-Testbetrieb bewärte sich der Zahnriemen an der Z 440 LTD. Während der gesamten Testlaufzeit musste der Antrieb kein einziges Mal gespannt werden. Im Fahrbetrieb ist kein Unterschied zur Kette zu spüren. Lediglich beim schnellen Herunterschalten gibt der Riemen leichte Pfeifgeräusche von sich.

Ansonsten zeigt sich die neue Z 440 LTD Belt Drive als problemloses Alltagsmotorrad. Mit Ausnahme des Zahnriemens ist das neue Modell mit der Vorgänger-Maschine, die bereits seit über einem Jahr auf dem deutschen Markt ist, identisch.

Der Motor ist ein alter Bekannter aus der mittlerweile sieben Jahre alten Z 400, aufgebohrt um 3,5 Millimeter. Die 444 Kubikzentimeter große Antriebsquelle schafft es ohne Mühe, den 185 Kilogramm schweren Chopper in Schwung zu bringen.

Sekundärantrieb aus Kunststoff:
Der Zahnriemen läuft leise und wartungsfrei. Kawasaki verspricht eine Lebensdauer von 20000 Kilometern


Als reinrassiger Paralleltwin, bei dem beide Kolben gleichzeitig auf- und abgehen, produziert der Kawasaki-Motor dabei allerdings reichlich Vibrationen. Trotz zweier Ausgleichswellen kribbelt es Fahrer und Beifahrer am Hosenboden und an Füßen und Händen. Dafür entschädigt der Zweizylinder mit einem erstaunlich guten Durchzug. Für eine 27 PS-Maschine ungewöhnlich, produziert der Twin bereits bei 2000 Kurbelwellenumdrehungen verwertbare Leistung. In Drehzahlbereichen über 6000 Umdrehungen legt der Motor dann allerdings nicht mehr viel Dampf zu. Er eignet sich daher vornehmlich zum gemütlichen dahin gleiten. So erscheint das Sechsganggetriebe schon fast als übertriebener Luxus. Selbst im Stadtverkehr benutzt der Pilot kaum den ersten Gang. Denn schon nach wenigen Metern verlangt die Kawasaki nach der jeweils nächst höheren Fahrstufe.

Der Grund für den, gemessen an Leistung und Hubraum, fülligen Drehmomentverlauf: Kawasaki hat den Zweizylinder nicht auf die versicherungsgünstigen 27 PS durch Verengung von Ansaugwegen oder Auslasstrakten abgeschnürt. Für die deutsche Version wurde einfach ein um zwei Millimeter kleinerer Vergaser angebaut. Und der begünstigt die Gemischverwirbelung bei niedrigen Drehzahlen.

Zu dem Eindruck, den der kräftige 27 PS-Motor hinterlässt, gesellt sich die bequeme Sitzposition auf der Z 440 LTD. In der weichen Kuhle der Stufensitzbank hockend, lässt es sich mit den Händen am hohen Chopper-Lenker locker und entspannt dahin bummeln. Nur auf sehr langen Fahrten wird die weit nach hinten geneigte Sitzposition bisweilen lästig. Denn die Oberarme müssen das Körpergewicht gegen den Winddruck nach vorne ziehen.

Schnittzeichnung des Kawasaki Belt Drive


Um nicht bei Bodenwellen ein unliebsames Durchschlagen der hinteren Federbeine zu riskieren, sollten sie auf die letzte oder vorletzte Vorspannungsstufe gestellt werden. Dann lässt sich der Chopper untypisch flott um die Kurven zirkeln. Recht handlich und unkompliziert gibt sich die Z 440 LTD auch auf kurvigen Straßen. Denn die Fahrwerkgeometrie entspricht nicht unbedingt Chopper-Verhältnissen.

Der Radstand von 1385 Millimetern und der Nachlauf von 103 Millimetern lassen Chopper-Freaks nur müde lächeln. Ihrer Philosophie entsprechend, kann eigentlich das Vorderrad nicht weit genug von der Maschine entfernt sein. Für den Alltagsbetrieb ist die Kawasaki-Lösung trotzdem recht passable.

Mit der Geometrie eines sportlichen kleinen Straßenmotorrads und der poppigen Chopper-Aufmachung besitzt die Z 440 LTD Attribute beider Fahrzeugtypen. Mit dem Belt Drive die Vorzüge beider herkömmlichen Arten des Sekundärantriebs. "Wenn der Kunde den Zahnriemen akzeptiert", blickt Projektleiter Hirokicki Sugiyama in die Zukunft, "dann werden wir auch große Maschinen mit ihm ausrüsten. Eine 750er läuft bereits im Versuch."

Der Durchbruch des Zahnriemens steht offenbar unter keinem ungünstigen Stern. Nicht teurer als eine Rollenkette, hält er immerhin 20 000 Kilometer. Dann erst soll die Nylonbeschichtung der Zähne abgenutzt sein. Die Wartung ist wesentlich einfacher als bei der Kette und der Wirkungsgrad besser als beim Kardan. Über ein ölverschmiertes Hinterrad und über schmutzige Finger kann sich der Kawasaki-Besitzer nicht beklagen. Nur einen Vorteil hat der Belt Drive noch nicht ausreichend ausgeschöpft: Die Laufruhe des Zahnriemens ist noch nicht wesentlich besser als bei einer Kette. Bei Vergleichsmessungen zeigte sich, dass der Riemen eines mit 60 Stundenkilometern vorbeirollenden Motorrads nur zwei Dezibel leiser läuft als eine Kette: 66 dB(A) zu 68 dB(A).

Hennes Fischer

Kawasaki Z 440 Beld Drive:
Technische Daten und Meßwerte

Motor
Luftgekühlter Zweizylinder-Viertakt-Paralleltwin-Motor, OHC, je zwei Ventile, Bohrung x Hub 67,5 x 62,0mm, Hubraum 444cm3, Verdichtung 9,2, Nennleistung 20kW (27PS) bei 700/min, max. Drehmoment 29Nm (2,9 mkp) bei 4000/min, zwei Keihin-Vergaser, Ø 32mm, kontaktgesteuerte Batterie-Spulenzündung 12V,Drehstromgenerator 180W,Batteriekapazität 12Ah, Mehrscheibenkupplung im Ölbad, klauengeschaltetes Sechsganggetriebe, E-Starter, Gangstufen 2,54/1,75/1,32/1,10/0,96/0,88 , Primär-/Sekundärübersetzung 2,43/2,71 ,Sekundärantrieb über Zahnriemen.

Fahrwerk
Doppelschleifen-Rohrrahmen, luftunterstützte, hydraulisch gedämpfte Teleskopgabel vorn, Standrohrdurchmesser 33mm, Federweg 150mm, hydraulisch gedämpfte Federbeine hinten, Federbasis fünffach verstellbar, Federweg 115mm, Radstand 1385mm, Lenkkopfwinkel 63 Grad, Nachlauf 103mm, Scheibenbremse vorn, Ø 280mm, Trommelbremse hinten, Ø 160mm. Betätigung vorn/hinten hydraulisch/Gestänge, Bereifung vorn 3.25 S 19 , hinten 130/90 S 16 , Abrollumfang 1,97m.

Abmessungen und Gewichte
Länge 2100mm, Sitzhöhe vorn 750mm, hinten 850mm, nutzbare Sitzbanklänge vorn 350mm, hinten 230mm, Lenkerbreite 710mm, Wendekreis 4240mm, Gewicht vollgetankt 185kg, davon vorn/hinten 86/99kg (46,5/53,5 Prozent), zul.Gesamtgewicht 380kg, Tankinhalt 12 Liter, davon Reserve 3,25 Liter.

Beschleunigung
Werte für zwei Personen in Klammern
0 - 40 km/h ................................ 2,1 (2,6)s
0 - 60 km/h ................................ 4,1 (4,8)s
0 - 80 km/h ................................ 6,5 (7,7)s
0 - 100 km/h ........................... 10,7 (12,7)s
0 - 120 km/h ............................... 21,7 ( - )s
0 - 400 m ................................ 17,4 (18,3)s
0 - 1000 m .............................. 35,1 (36,2)s

Durchzugsvermögen
Werte für zwei Personen in Klammern im 6. Gang
60 - 80 km/h ............................ 4,6 (7,0)s
80 - 100 km/h ......................... 6,5 (10,4)s

Höchstgeschwindigkeit
Zwei Personen ... 119 km/h bei 5830/min
solo sitzend ....... 125 km/h bei 6130/min
(Temperatur 16 Grad, kein Wind)

Bremsverzögerung
100 - 0 km/h ........................ 42,1m (9,16 m/s2)

Tachometerabweichung
Anzeige/effektiv
50/48 - 80/73 - 100/93 - 135/125 km/h

Drezahlmesserabweichung
Anzeige/effektiv
3000/3000 - 5000/4800 - 7000/6800 /min

Kupplungshandkraft
50 Newton

Nahfeldgeräuschmessung
Bei 5250/min .......................... 97 dB(A)

Testverbrauch
4,9 Liter/100 km

Preis
5040 Mark

Importeur
Kawasaki Motor GmbH, Max-Planck.Straße 26, 6383 Friedrichsdorf.